16.06.2025 Bergfest und jetzt kommt Norwegen
Heute beginnt die zweite Hälfte der Reise – und ich erreiche Norwegen. Bis jetzt passt die Planung 👍🏻. Gegen 11:00 Uhr fahre ich über die Grenze. Natürlich kontrolliere ich vorher nochmal, ob ich mit meinen Bier- und Weinvorräten im erlaubten Rahmen bleibe. Man hört ja, dass hier streng geprüft wird … aber von wem eigentlich? Niemand da! Genau wie vor zwei Jahren: ein Zollhaus, ein einsames Auto – das war’s. Sehr unspektakulär. Es lebe die EU! Obwohl … Norwegen gehört ja gar nicht dazu.
Zur Einordnung: Ich hab mal nachgelesen – Norwegen ist zwar kein EU-Mitglied, aber Teil des EWR. Deshalb gehört es auch zum Schengen-Raum, was wiederum bedeutet: keine Grenzkontrollen zu EU-Staaten. Woher also die hartnäckigen Gerüchte über Kontrollen kommen? Keine Ahnung.
Um 13:00 Uhr bin ich in Kirkenes. Die Stadt hat rund 3.500 Einwohner und war früher ein wichtiger Hafen für Fischfang und Bergbau. Heute ist sie ein spannender Mix aus arktischer Grenzstadt, samischer Kultur und einem Hauch Russland – russische Schilder, Supermärkte mit Wodkaabteilung, früher sogar Busverbindungen nach Murmansk. Kirkenes ist sozusagen die Schnittstelle zwischen Finnland, Norwegen und Russland. Ganz ehrlich … ich fand es so interessant, dass ich kein einziges Foto gemacht habe und nach zwei Stunden wieder weitergefahren bin.
Ab hier wird die Landschaft komplett anders als in Finnland: keine Kiefernwälder mehr, sondern nur noch niedrige Birken, schroffe Hügel – wie in den Alpen auf 1.500 Metern, nur ohne Berge. Bis 20:30 Uhr umfahre ich den Varangerfjord. Ich bin versucht, hinter jeder Kurve anzuhalten – so beeindruckend ist die Landschaft. Die Straße zieht sich durchs „Hochgebirge“, und daneben liegt der tiefblaue Fjord. Seit 16:00 Uhr spielt auch das Wetter mit: strahlend blauer Himmel, Sonnenschein bei 10 °C. Nur der Wind – eisig!
Ich schaffe es noch bis Nesseby, wo ich mir kurz die weiße Kirche anschaue. Die Nesseby-Kirche ist eines der ältesten Gebäude der Region – und das einzige, das die Zerstörung Finnmarks 1944–45 überstanden hat. Laut einer Legende soll der Gemeindepfarrer den deutschen Truppen mit göttlicher Strafe gedroht haben, woraufhin sie die Kirche verschonten. Ob das stimmt? Wer weiß …
17.06.2025 Norwegen zeigt was es kann
Sonnenschein pur – und der kalte Wind von gestern ist weg. Perfekt!
Auf dem Weg nach Vardø habe ich eine Wanderung entdeckt, die zu einem Wasserfall im Natfjelldalen führt. Klingt gut – mach ich. Dafür biege ich in Vadsø Richtung Varangerhalvøya-Nationalpark ab. Der Startpunkt liegt etwas 6km außerhalb. Die Zufahrt führt über Schotterpiste, durch enge Kurven und es geht stellenweise sehr steil Auf und Ab. Karsten meistert das souverän. Wer braucht schon Allrad? – ICH!!!!
Der Parkplatz ist typisch Norwegen: Trockentoilette (super sauber!), Feuerstelle und Feuerholz. Perfekt. Die Wanderung ist mit 6 Stunden angegeben, danach will ich direkt hier übernachten.
Nach etwa 5 km komme ich am offiziellen Nationalparkeingang an. Dort gibt’s einen einfachen Unterstand mit Feuerstelle, an dem gerade drei Leute sitzen. Nach einem kurzen Hallo werde ich direkt zu einem Kaffee eingeladen. Es stellt sich heraus: Die drei arbeiten für den Nationalpark und sind neugierig, wie ich überhaupt von der Tour erfahren habe. Wir unterhalten uns eine Weile, und nach einer Tasse Lagerfeuer-Kaffee mit ordentlich Kaffeesatz (direkt im Kessel gekocht, versteht sich), mache ich mich wieder auf den Weg.
Die Tour ist traumhaft: Diese Weite, der Fjord als blaues Band im Hintergrund, oben auf dem Fjäll noch große Schneefelder – und am Ende ein eindrucksvoller Wasserfall.
Nach knapp 20 km und ziemlich genau 6 Stunden bin ich wieder zurück. Am Abend sitze ich am Lagerfeuer und komme mit Helmut ins Gespräch, der mit seinem Expeditionsmobil ebenfalls hier übernachtet. Das Fahrzeug schaue ich mir natürlich noch genauer an – echt beeindruckend. Würde ich auch nehmen!
18.06.2025 Bis ans östliche Ende Norwegens
Das Wetter hat sich über Nacht geändert: 6 °C heute Morgen, wolkig und sehr windig. Ich starte gegen 11:00 Uhr, und Karsten fährt ganz entspannt die steile kurvige Schotterpiste nach oben.
Zurück auf der Straße fahren wir weiter bis Vardö. Kurz vorher biege ich ab und folge der Straße nach Hamningberg. Das ist der letzte Ort, den man hier mit dem Auto erreichen kann – sozusagen „End of Norway“. Der Ort selbst gibt nicht viel her, aber die Straße hierhin ist wohl eine der unwirklichsten und spektakulärsten, die ich je gefahren bin. 30 km, einspurig – vorbei an seltsamsten Felsgebilden, an schroffen Wänden und steilen Abhängen direkt über der Barentssee. Dann wieder weiße Sandstrände, gefolgt von dunklen Klippen, die bis weit ins Meer hinausragen.
Als ich von meinem Ausflug nach Hamningberg zurückkomme, fahre ich nach Vardö. Die Stadt liegt auf der Insel Vardøya und man erreicht diese durch einen 3 km langen Tunnel, knapp 90 Meter unter dem Meeresspiegel. Hoffentlich tropft es nicht von der Decke, ich glaube dann werde ich nervös!
Ich finde einen Übernachtungsplatz unweit des Hafens, direkt am Meer und laufe anschließend durch die Stadt. Einerseits viel Verfall aber andererseits gibt es auch viele neue Wohnhäuser. Es werden Bootstouren nach Hornøya angeboten. Dort brüten jedes Jahr über 100000 Seevögel. Soll sehr interessant sein. Ich warte das Wetter morgen ab und entscheide dann ob ich rüberfahre.
Zur Info: Vardö ist die östlichste Stadt Norwegens – sie liegt tatsächlich weiter östlich als Istanbul oder St. Petersburg.
19.06.2025
Die Insel Vardøya mit Vardø liegt in der Arktischen Klimazone. Das merke ich heute Morgen deutlich: 6 °C und starker Wind. Vogelinsel? Nein danke. Nach dem Frühstück fahre ich ab, mache aber noch einen kurzen Stopp an der Festung Vardøhus mitten in Vardø.
Eine niedrige, kleine Ansammlung von Holzhäusern, umgeben von einem sternförmigen Festungswall aus Steinen und Erde. Seit dem 14. Jahrhundert steht hier eine Festung, diese Anlage stammt allerdings aus dem 18. Jahrhundert. Der Zweck? Ganz einfach: den Dänen-Norwegern zeigen, dass hier immer noch Norwegen ist – auch wenn Russland gleich ums Eck liegt.
Innen gibt’s ein kleines Museum, ein paar Kanonen und … Soldaten. Die Anlage gehört noch immer zum norwegischen Militär. Zwischen den historischen Kanonen stehen abgedeckt auch modernere Geschütze. Ich unterhalte mich kurz mit einem norwegischen Soldaten – er gehört zur Grenzschutztruppe und leistet gerade seinen Wehrdienst. Sehr interessant.
Anschließend laufe ich an die Küste zum Steilneset Memorial – ein beeindruckendes Denkmal für die Opfer der Hexenverfolgung in Nordnorwegen. Im 17. Jahrhundert wurden hier Frauen (und ein paar Männer) wegen angeblicher Hexerei gefoltert und verbrannt.
Das Denkmal besteht aus zwei Teilen: einem langen, dunklen Holzgang mit kleinen beleuchteten Texttafeln, die an die 91 bekannten Opfer erinnern. Ich habe einige Tafeln gelesen … echt heftig. Draußen, außerhalb des Ganges, steht in einem Glaskubus ein brennender Stuhl – umgeben von Spiegeln. Ziemlich düster das alles … wie die Zeit damals.
Der Rückweg zu Karsten führt mich über eine Disk-Golf-Anlage. Die gibt’s hier überall. Ich finde tatsächlich eine vergessene Frisbee-Scheibe und versuche mich auch mal. Nicht einfach – aber macht Spaß. Werden Silke und ich mal ausprobieren!
Gegen 13:00 Uhr fahren Karsten und ich weiter. Ab jetzt: neue Richtung – Westen. Logisch, nach Osten geht’s nicht weiter … 🤦🏻♂️. Erst zurück entlang des Varangerfjords, dann übers Fjäll weiter nordwestlich. Eine wunderschöne Landschaft. Ich fahre den ganzen Nachmittag – und wenn ich mich nicht gezwungen hätte, wäre ich hinter jeder zweiten Kurve begeistert ausgestiegen. (Naja – 5 °C und starker, eisiger Wind haben mich doch auch etwas ausgebremst 🥶!)
Ich überquere Pässe mit stattlichen 2950dm und 1770dm über dem Meer, fahre durch Schneefelder und vorbei an teils zugefrorenen Seen. Am Eingang des Silfar-Canyons finde ich schließlich einen Übernachtungsplatz. Den schau ich mir morgen an.
20.06.2025 Canyon, Geopfad und ein Wasserfall
Die ganze Nacht hat es geregnet, und auch der Morgen verspricht erst mal nichts Gutes. Aber beim Kaffeetrinken hört der Regen tatsächlich auf und der Wind wird weniger – auf geht’s! Das Frühstück kann warten, ich ziehe los in den Silfar-Canyon. Nur ein paar Meter hinter dem Parkplatz beginnt der Pfad bis zum Canyoneingang, dann geht’s immer am Rand entlang entlang, hoch hinauf. Das hat sich gelohnt!
Wieder zurück bei Karsten hole ich das Frühstück nach und fahre weiter an den Porsangerfjord. Auf einem Rastplatz will ich nur schnell Müll loswerden, entdecke aber ein Schild zu einem Geopfad. Also wieder Wanderschuhe an. Der Pfad ist mit roten Holzpflöcken markiert, ein paar Schautafeln – sogar auf Deutsch – erklären die geologischen Besonderheiten der Gegend. Zwischenzeitlich ist es spannend weil die Markierungen eher kreativ verteilt sind. So ziehte ich öfter Bögen, um wieder auf den Weg zu kommen. Das hat sich auch gelohnt!
Dann geht’s weiter, tanken, AdBlue auffüllen und ab zum Nationalpark Stabbursdalen. Ich habe mir eine Wanderung zum Stabbursfossen vorgenommen. Um 17:00 Uhr bin ich am Parkplatz, also wieder Schuhe an. Es wird ja eh nicht dunkel – und es regnet nicht. Der Weg ist anfangs ziemlich fordernd: Über große Steine geht’s gut 2 km in einen Pinienwald, dann über eine Hängebrücke weiter hinein in den Nationalpark. Die Bäume werden kleiner, weichen Büschen, und immer wieder kommen Rentiergatter, die man übersteigen oder durchqueren muss.
Nach etwa 6 km bin ich am Wasserfall. Schön – aber nicht umwerfend. Ein Stück weiter unten treffe ich auf einen Angler. Wir unterhalten uns eine Weile, er erzählt von den Lachsen, die hier normalerweise springen. Aber dieses Jahr sei das Wasser wohl noch zu kalt. Zurück bei Karsten ist es 20:30 Uhr. Schöne Wanderung aber der Wasserfall hat sich doch eher nicht gelohnt!
Gerne würde ich hier bleiben, aber das „Camping verboten“-Schild macht mir einen Strich durch die Rechnung. Also weiter – ein schöner Stellplatz direkt am Fjord ist schnell gefunden.
21.06.2025 Mittsommer am Nordkapp
Ich habe lange überlegt, ob ich zum Nordkapp hochfahren soll – aber da es nur etwas mehr als 100 km sind und eben Mittsommer ist, fahre ich hin.
Ich hatte fast vergessen, wie beeindruckend die Straße zum Kapp ist: erst am Porsangerfjord entlang, durch die Tunnel und dann übers Fjell.
Als ich am Kapp ankomme, staune ich – da hat sich doch einiges verändert gegenüber letztem Jahr. Am Parkplatz nehmen sie jetzt Gebühren, und der Eintritt ins Nordkappcenter ist mit knapp 32 € echt happig. Ich war ja schon mal drin, also spar ich mir das lieber!
Auf dem Plateau treffe ich die beiden „Offenbacher“ wieder – Bettina und Stefan aus Obertshausen bei Offenbach! Man achte auf die Details. Wir treffen uns jetzt schon zum dritten Mal seit Kirkenes. Wir unterhalten uns eine Weile und laufen gemeinsam auf die andere Seite des Plateaus.
Es tut sich eine wunderschöne, beeindruckende Steilküste vor uns auf – eine gigantische Aussicht!
Das Wetter ist besser als erwartet: zwar durchgängig grauer Wolkenhimmel, kalt und mit starkem Wind – aber klare Sicht und trocken.
Wieder zurück gehe ich an die Kasse und frage, wie ich im Souvenirshop Briefmarken kaufen kann – ich war ja vor zwei Jahren schon hier und möchte ungern nochmal Eintritt zahlen. Daraufhin schenkt mir das nette Mädel eine Karte und sagt, ich solle einfach reingehen – Jackpot! 🥳
Nachts reißt der Himmel auf, und wir haben für wenige Augenblicke traumhafte Mitternachtssonne.
Alles richtig gemacht!
22.06.2025
Bis ich im Bett lag, war es fast 03:00 Uhr – also schlafe ich heute mal etwas länger. Gegen 12:00 Uhr beginnt meine Reise jetzt in Hauptrichtung Süden.
Nach etwa 10 km sehe ich am Straßenrand eine Radfahrerin, die ihr Rad den (ziemlich steilen) Berg hochschiebt. Ich halte an und frage, ob es Probleme gibt. Ein ziemlich verzweifeltes Mädel schaut mich an und sagt, es wäre schon alles okay – sie müsse „nur noch“ bis Honningsvåg zurück. Man sieht ihr an, wie sehr sie sich quält 😩. Als ich ihr anbiete, sie ein Stück mitzunehmen – auf dem Radträger ist ja noch Platz – sagt sie sofort erleichtert: ja 🥲!
Jane ist 24, kommt aus den USA und ist mit einer Gruppe nach Tromsø gereist. Von dort aus dann mit dem Rad bis zum Nordkap. Das hat sie auch alles geschafft – aber jetzt, auf dem Rückweg bei 3 °C und Gegenwind, ist einfach die Luft raus.
Wir fahren eine gute halbe Stunde und unterhalten uns sehr nett. Als ich sie am Treffpunkt bei ihrer Gruppe absetze – sie ist deutlich die Jüngste – strahlt sie über beide Ohren. Wir reden noch einen Moment mit den Teammitgliedern, und als ich weiterfahre, freue ich mich für Jane. Sie hat’s gepackt – Respekt!
Ich fahre nun weiter Richtung Havøysund – das liegt am Ende einer der 18 offiziellen Landschaftsrouten Norwegens. Mein Problem….Unterwegs muss ich immer wieder anhalten und einfach schauen und staunen. Als ich mir dann ganz fest vornehme: Jetzt fährst du mal ein Stück ohne Stopp!, kommt natürlich ein Parkplatz mit einem Wasserfall im Hintergrund. Kurz nachgesehen – Wanderweg entdeckt – und das war’s mit dem Plan.
Die Wanderung ist nicht lang, wird aber mit jedem Höhenmeter anspruchsvoller. Am Wasserfall wartet eine Bank mit Tisch zum Rasten – perfekte Pause!
Zurück an Karsten entscheide ich: Ich bleibe hier. Der Platz ist einfach prima.
Ab Abend lerne ich noch Joel und Mirella aus der Schweiz kennen. Die beiden sind mit ihren ausgebauten Campingbus unterwegs. Nach einem kurzen Kennenlernen treffen wir uns zum Abendessen an einer gemütlichen Sitzgelegenheit. Spontane Kochrunde, jeder macht sein Abendessen. Schöner Abschluss!





























































