Skandinavien / Baltikum 2.Woche

12.05.2025 Der Tag beginnt mit Sonnenschein – perfekt.

Was mich etwas wundert: Der Parkplatz füllt sich zunehmend, dabei ist hier eigentlich nichts Besonderes. Neugierig wie ich bin, gehe ich in die Richtung, aus der die Menschen kommen. Und siehe da – die ersten tragen Einkaufstüten. Die Sache wird klar: Markttag.

Etwa hundert Meter weiter sind Stände und Buden aufgebaut, und es wird wirklich alles verkauft, was man sich vorstellen kann. Wenn ich sage „alles“, dann meine ich das auch so: Frisches Brot, Obst, Käse, Pflanzen – aber auch Sofas, Autoreifen, Elektromotoren, Gartengeräte, Kleidung, Teppiche und allerlei Krimskrams. Ein bunter, trubeliger Markt, wo gefeilscht wird, was das Zeug hält.

Da mein Polnisch gegen null tendiert, spare ich mir die Preisverhandlungen und besorge im nahegelegenen Supermarkt das Nötigste: Brot und Bier – damit ist die Grundversorgung gesichert und die Brotnot abgewendet.

Nach einem späten Frühstück mache ich mich auf in Richtung Warschau – oder besser gesagt, ich nehme es mir vor.
Kurz vor der Innenstadt halte ich an einem Einkaufszentrum, um mich zu orientieren. Als ich dann die vielen Hochhäuser und den Trubel sehe, vergeht mir spontan die Lust auf Großstadt.

Warschau ist mit fast 1,9 Millionen Einwohnern deutlich größer als Frankfurt – das wird mir in dem Moment wieder bewusst. Frankfurt hat etwa 750.000. Ich schlendere ein wenig durch das Einkaufszentrum, lasse die Atmosphäre auf mich wirken und fahre gegen 16 Uhr wieder raus aus der Stadt – weiter Richtung Litauen.

In Sadowne habe ich Glück: Nach einem kurzen Gespräch mit dem Pfarrer darf ich für die Nacht auf dem Kirchparkplatz stehen. Eine schöne, ruhige Lösung…..so dachte ich….!

13.05.2025 Markttag, Mahnmal, Medienloch – Ein Tag zwischen Polen und Litauen

Morgens, kurz vor 06:00 Uhr, klappert es rund um Karsten. Irgendwann packt mich die Neugier, und ich schaue mal nach, was draußen vor sich geht. Oha … heute ist hier Markttag.
Da ich irgendwie keine Lust habe, vermarktet zu werden, mache ich Karsten schnell fahrfertig und stelle mich etwa 300 Meter weiter an den Friedhof. Über den Versuch, noch mal eine Stunde zu schlafen, reden wir besser nicht weiter.

Gegen 08:00 Uhr werfe ich noch einen Blick in die Kirche, danach fahre ich zur Gedenkstätte des ehemaligen Massenvernichtungslagers Treblinka – etwa 20 Minuten entfernt.

Die Gedenkstätte ist ganz anders, als ich sie mir vorgestellt habe. In Dachau sind noch Gebäude erhalten, und man spürt den Schrecken und das Unfassbare, das sich dort abgespielt hat. In Treblinka ist das völlig anders: Vom Lager selbst ist nichts mehr übrig. die Nazis haben es am Ende des Krieges vollständig zerstört.

Es gibt ein kleines, sehr informatives Museum und die eigentliche Gedenkstätte mitten im Wald. Mithilfe eines Audioguides wird einem alles erklärt. Das Bewusstsein dafür, wofür diese Steine, Eisenbahnschwellen und anderen Symbole stehen – in Kombination mit den Erklärungen und dem Museumsbesuch – ist erschütternd.

Es ist sehr schön hier, mitten im Wald – leer und still. Aber über dem Gelände liegt die Aura eines riesigen Friedhofs, mehr als 900.000 Menschen wurden hier ermordet.
Es ist wichtig, dass solche Gedenkstätten erinnern – damit so etwas nie wieder passiert.

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Auch an schrecklichen Orten wächst etwas schönes!

Ich fahre weiter – heute möchte ich noch bis nach Litauen kommen. Gegen 19:00 Uhr überquere ich die Grenze, merke es aber kaum: Eine riesige Baustelle, kein Schild, keine Kontrolle. Und das Erste, was mir auffällt … das Internet ist weg. Nichts. Nada. (Bin ich versehentlich wieder nach Deutschland zurückgefahren?)
Ab der Grenze: wie abgeschnitten. Etwa 20 Kilometer weiter kommen die ersten Empfangsbalken wieder, aber die Verbindung bleibt instabil. Ausgerechnet als ich in Kaunas einen Übernachtungsplatz suche, ist das Netz wieder weg. Nach einiger Sucherei finde ich schließlich einen schönen Platz, nicht weit von Kaunas entfernt.

Mal sehen, wie es morgen weitergeht …

14.05.2025 Kaunas und "Lost in Litauen"

Die WetterApp verspricht heute irgendwie nichts Gutes. Mittag ab 14:00  Uhr Regen. Hatte überlegt direkt nach Vilnius weiterzufahren und Kaunas auf dem Rückweg anzusehen aber das lohnt dann nicht. Bis ich da bin regnet es. Also erstmal Kaunas. Aber erst noch schnell Wasser bei Karsten auffüllen.

Relativ schnell finde ich in Zentrumsnähe einen Parkplatz und dann beginnt die Challenge! Parkautomat……Kein Problem hier gibt es Handyparken, mag ich gerne, da muss man nicht so auf die Zeit schauen. Gleich drei Systeme zur Auswahl….super👍🏻 – Aber irgendwie bin ich wohl zu doof, ich verstehe das Prinzip nicht wie wird gezahlt wird, wie wird der Parkvorgang gestartet. Also Ticket am Automat holen. Es werden 4 Sprachen, darunter Deutsch angeboten, aber nur Litauisch funktioniert🤔 Und nun? – Es muss wohl an meinem hilflosen Blick gelegen haben aber eine freundliche junge Frau spricht mich an und erledigte das für mich. Dem Stadtbesuch steht jetzt nichts mehr im Weg.

Kaunas ist eine schöne Stadt. Tolle Burg, Fussgängerzone mit vielen sanierten alten Häusern, Cafés und Restaurants. Der Rathausplatz ist bestimmt auch sehr schön. Eingerahmt von prächtigen Kirchen und dem sehr schönen Rathaus wird er gerade grundsaniert und ist zur Zeit eine Großbaustelle. Um 13:00 Uhr, zu früh, beginnt es zu Regnen und ich gehe langsam wieder zu Karsten zurück. 

Fun-fact: Seitdem ich die deutsche Grenze überquert habe sind mir keine Landsleute begegnet!  Ich  laufe in Richtung Karsten und da steht ein Paar im Eintracht Frankfurt Triathlon Team Trikot vor mir. Wir kommen sofort ins Gespräch und da der Regen stärker wird gehen wir gemeinsam Kaffee trinken. Eine nette Begegnung – Ich muss dann aber weiter, die Parkzeit…..da wären wir wieder beim Ticketautomaten und der begrenzten Zeit!🤷🏻‍♂️

Als ich an Karsten ankomme hat es sich eingeregnet und ich fahre nach Vilnius. Es schüttet unterwegs, bei dem Wetter brauch ich gar nicht in die Stadt fahren deshalb suche ich mir einen schönen Übernachtungsplatz am Waldrand ca. 4km vom Stadtzentrum entfernt. Eine Viertelstunde bevor ich ankomme hört es auf zu regnen aber laut App fängt es gegen 19:00 Uhr wieder an. Der Platz ist sehr schön gelegen und nachdem ich da bin und es trocken ist schau ich mal auf Komoot nach einer Laufstrecke ( hab ja eh keine Ruhe!). Es startet sogar hier eine kurze Runde – perfekt!

Umziehen und los, für 5km und 120hm hab ich gut 2h Zeit bis der Regen kommt. Nachdem ich den Startpunkt, 10m weg von Karsten gefunden habe geht es steil im Wald über Pfade runter. Klasse macht Spass so kann es weitergehen! – immer hoch und runter engste Pfade gut dass ich die Strecke auf der Uhr habe! Aber irgendetwas stimmt nicht, entweder hat mich die App belogen oder das Wetter hält sich nicht an die Vereinbarung. Es fängt nach gut 20min an zu regnen-ergiebig. Die Wege werden so glatt das ich zum teil auf alle vieren die steilen Stücke hoch und runter muss. Kann ja nicht mehr weit sein aber der Blick auf die Uhr wird zum echten Problem. Brille nass und angelaufen, ich sehe nichts mehr auf der Uhr und auf dem Phone😩. Nach einigem umherirren finde ich aber dann doch noch den richtigen Weg. Ich bin mehr als erleichtert als ich an Karsten ankomme. Nass bis auf die Haut direkt unter die Dusche. Beinahe „Lost in Litauen“. Nebenbei es waren schlussendlich laut GPS 300hm auf nur 5km!

15.05.2025 Vilnius, Cepelinai und kleine Bekanntschaften

Ich fahre gegen 09:00 Uhr nach Vilnius rein und parke direkt neben der Bastion. Kaum ausgestiegen, lerne ich auch schon Laura kennen. Laura ist drei Jahre alt und mit ihren Eltern, Claudia und Claus, seit Januar für ein Jahr durch Europa unterwegs. Auch sie haben das Nordkap als Ziel. Mal sehen, ob wir uns unterwegs wieder über den Weg laufen – hier in Vilnius klappt das jedenfalls schon mal mehrfach. 🤣

Vilnius ist eine richtig schöne Stadt. Ich laufe kreuz und quer durch die Altstadt, und am Ende zeigt der Schrittzähler über 20.000 Schritte an. Mittag esse ich in einem traditionellen Restaurant. Es gibt „Cepelinai“ – mit Fleisch gefüllte Klöße in Pilzsoße. Sehr lecker!

Gegen 16:30 Uhr bin ich zurück bei Karsten, und bei einer Tasse Kaffee entscheide ich, über Kaunas weiter in Richtung Kurische Nehrung zu fahren. Kurz bevor ich losfahre, kommen auch Laura und ihre Eltern müde von der Stadtbesichtigung zurück.

Tschüss – vielleicht bis unterwegs! 🙋🏻‍♂️

16.05.2025 Zwischen Skulpturen und Segeln in Klaipėda

Déjà-vu – Übernachten auf dem Kirchenparkplatz. Und morgens… wieder Markt. Aber nur ein kleiner. Ich stehe niemandem im Weg, und bis ich gemütlich gefrühstückt habe, ist der Spuk auch schon wieder vorbei.

Ich rolle weiter Richtung Klaipėda und lasse mich unterwegs einfach treiben – was mir ins Auge fällt, wird mitgenommen.

In Klaipėda finde ich einen Parkplatz direkt am Skulpturenpark. Praktisch. Ich drehe eine Runde durch den Park – und was hier so alles rumsteht, ist schon ziemlich abgefahren. Kunst halt – ich Banause kann damit nicht so wirklich was anfangen🫣!

Anschließend schlendere ich in die Altstadt. Es wird gerade viel aufgebaut, Bühnen, Stände – irgendwas ist im Busch. Auf Nachfrage erfahre ich: Straßenmusikfestival, dieses Wochenende. Klingt gut. Ich laufe weiter, schaue mir alles an – mehrere Bühnen, Verkaufsstände mit allerlei Kram, dazwischen jede Menge Musik. An einem Stand probiere ich „Maltinis“: eine Frikadelle in Paprikasoße, dazu Kartoffeln und Salat. Sehr ordentlich.

Danach suche ich noch den Fähranleger für die alte Fähre rüber auf die Kurische Nehrung. Für alle, die’s nicht kennen: Die Kurische Nehrung ist eine schmale Landzunge zwischen Ostsee und Kurischem Haff – Dünen, Kiefernwälder, Sand soweit das Auge reicht. UNESCO-Welterbe Naturschutzgebiet. Plan für morgen: Radtour auf der Nehrung – wenn das Wetter mitspielt.

Abends gehe ich nochmal zur Festivaleröffnung. Am Kai liegt ein stattlicher Dreimaster, und mit viel Tamtam werden die Segel gesetzt. Ein richtiges Spektakel. Leider macht der Regen dann doch recht bald Schluss mit der Show.

Zum Tagesabschluss gönne ich mir noch ein lokales Bier vom Marktstand. Fazit: Kann man mal trinken… muss man aber ein zweites mal nicht!

17.05.2025 Auf zwei Rädern zur Nehrung

Der Plan: Mit dem Rad rüber auf die Kurische Nehrung – vorausgesetzt, das Wetter spielt mit. Und das ist heute so eine Sache: Die Nacht über hat es kräftig geregnet, und auch am Morgen ist eher eher Feucht. Aber gut, ich bin jetzt hier – mal schauen, was geht. Zur Not kann ich ja jederzeit wieder zurück.

Kurz vor zehn stehe ich mit dem Rad an der Fähre und denke: Handschuhe wären schlau gewesen. (Ja, Silke, ich weiß – du hast sie mir hingehalten, und ich meinte: „Brauch ich nicht.“ Tja.) 6 °C sind jedenfalls nicht gerade Radfahr-Traumtemperatur. Aber was soll’s.

Das Fährticket ziehe ich am Automaten – deutlich unkomplizierter als beim RMV. Und 1,70 € für die Überfahrt? Dafür kommst du bei uns nicht mal nach Niederjosbach.

Keine zehn Minuten später bin ich drüben – auf der Nehrung – und rolle den wunderschönen Radweg entlang. Nach etwa 20 Minuten treffe ich auf eine Gruppe Radfahrer, die gerade vor den Dünen Pause macht – und werde direkt auf einen großen Jägermeister eingeladen. Läuft. Dafür gibt es auch ein Gruppenfoto!

Über eine Treppe und einen Bohlenweg geht’s weiter über die Dünen direkt an den Strand. Weit, still, leer – einfach schön hier. Der Radweg schlängelt sich weiter an den Dünen entlang, taucht zwischendurch in Kiefernwälder ab. Das Wetter hat auch sein Gutes. Es ist kaum jemand hier. Nach etwa 20 km erreiche ich Juodkrantė. Es gibt Kaffee und Käsekuchen. Dann geht’s zurück, gerade rechtzeitig, bevor der nächste Regen kommt. Die Fähre erwische ich fünf Minuten vor Abfahrt, um 14 Uhr bin ich zurück an Karsten. Die ersten Tropfen fallen da schon wieder. Am Ende waren es doch rund 50 km – passt.

Den Nachmittag verbringe ich entspannt, ein bisschen rumgammeln, ein bisschen schauen. Und später geht’s nochmal los – mal übers Festival schlendern und schauen.

18.05.2025 Wie ein Volkslauf mich ausbremste

Der Wetterbericht verspricht heute nichts Gutes: ergiebiger Regen, den ganzen Tag.
Der Plan ist eigentlich, nach dem Frühstück aufzubrechen und weiter in Richtung Riga zu fahren. Aber während ich mich noch kurz mit meinem Nachbarn unterhalte, sehe ich auf der anderen Seite des Parks Läufer mit Startnummern – und da weiß ich schon, dass mein Plan nicht aufgehen wird. Die ganze Innenstadt ist gesperrt, ich komme nicht vom Parkplatz runter.

Na gut, dann warte ich eben. Und siehe da: Entgegen der Vorhersage regnet es gar nicht. Grau in grau, 14°C perfektes Wetter – zumindest für die Läufer.

Nachdem ich alles fertig gemacht habe, gehe ich in die Stadt und schaue mir das Treiben an. Wie mir eine freundliche Passantin erklärt, hat dieser Lauf in Klaipėda Tradition. Es ist ein Jedermannlauf mit unterschiedlichsten Distanzen, ganz ohne Zeitmessung. Verschiedene Strecken, den ganzen Vormittag über neue Gruppenstarts – ganz schön was los hier.

Ich spaziere nochmal zum Hafen und komme gerade rechtzeitig, um zu sehen, wie eine historische Holzdrehbrücke von Hand über den Kanal gedreht wird. Alles noch echte Handarbeit. Gegen 14 Uhr bin ich zurück bei Karsten. Zwei Polizisten an der Einfahrt bestätigen mir auf Nachfrage, dass ich jetzt losfahren kann.

Die historische Holzdrehbrücke
Die historische Holzdrehbrücke
Handarbeit
Handarbeit
Hier kommt der Klabautermann
Hier kommt der Klabautermann

Bei der Abfahrt beginnt es dann doch: ergiebiger Regen.
Ich fahre noch bis zum Berg der Kreuze – und laufe, im strömenden Regen, durch dieses beeindruckende Mahnmal. Auf einem Hügel stehen hier tausende Kreuze, von handtellergroß bis mehrere Meter hoch. Es ist kein Friedhof, sondern ein Symbol des Widerstands gegen die sowjetische Besatzung. Die Ursprünge reichen bis ins 19. Jahrhundert zurück – damals stellten Angehörige Kreuze für vermisste Freiheitskämpfer auf. Später wurde der Ort immer wieder von den Sowjets zerstört und jedes Mal aufs Neue von der Bevölkerung aufgebaut.

Heute ist der Berg ein bedeutender Wallfahrtsort. Papst Johannes Paul II. besuchte ihn 1993 und hielt eine Messe – seither gilt er als Ort der Hoffnung und des friedlichen Protests.

Da der Regen nicht nachlässt und es inzwischen 18:30 Uhr ist, bleibe ich über Nacht auf dem Parkplatz beim Besucherzentrum.

Der Berg der Kreuze
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