26.05.2025 Von Stellplatzbekanntschaften und kalten Seen
Die Sonne strahlt, der Himmel blau, Frühstück mit Schiebetürblick – besser kann ein Tag kaum starten. Bis plötzlich eine Frau draußen ruft: „Guten Morgen, Dietmar!“
Ich sehe sie an, Lächeln.,Nicken, leichte Panik.… Wer…? Vergessen? 🫣
Zum Glück nicht. Manuela klärt mich mit einem Lachen auf: Sie und ihr Mann Gerhard haben meine Webadresse am Camper gesehen, kurz in den Blog reingelesen – und….Stellplatz-Nachbarn mit gemeinsamer Route. Uff. Kein Blackout meinerseits. 😅
Wir starten den Tag mit einem Kaffee und spazieren danach gemeinsam übers Klostergelände. Natürlich ohne Plan, aber mit vollem Vertrauen, dass irgendjemand den Weg schon kennt. 🤷🏻♂️ Niemand. Dafür gibt’s den Umweg gratis – und am Ende einen geschlossenen Ticketschalter. Auch egal, wir hatten unseren Rundgang.
Nach einer Weile trennen sich unsere Wege wieder, ich fahre weiter nach Rummu – ein Ort mit Geschichte. Früher sowjetisches Arbeitslager samt Kalksteinbruch, heute ein halb versunkene Ruinen in türkisfarbenem Wasser. Irgendwie bizarr, irgendwie schön. Ich wandere über den Kalksteinhügel, laufe runter an den See – und treffe Manuela und Gerhard. Die mein anschließendes heldenhaftes Bad im kalten See dokumentiert🥶.
Wieder trocken und aufgewärmt geht’s weiter nach Tallinn. Unterwegs noch schnell alles auftanken – Gas (in Finnland Mangelware!), Diesel, AdBlue – man weiß ja nie.
In Tallinn parke ich direkt am Hafen. Dort läuft mir dort die kleine Laura aus Vilnius samt Eltern über den Weg. Man sieht sich immer wieder.
27.05.2025 Tallinn, letzter Tsg im Baltikum
Der gestrige Abend war – sagen wir mal – anstrengend. Direkt gegenüber vom Parkplatz: eine Bar. Und dort: Karaoke. Einige Beiträge waren… speziell. Aber immerhin: Ab 22 Uhr war Ruhe, und die Nacht verlief überraschend entspannt.
Heute Morgen dann: Kaiserwetter! Blauer Himmel, Sonne satt – und mit 18 °C fast schon T-Shirt-Wetter. Erst mal rüber zum Hafensupermarkt, Brot und Milch besorgen, danach Frühstück mit Hafenblick.
Dann geht’s zu Fuß in die Altstadt. In der Touristinfo besorge ich mir einen Stadtplan, und los geht’s: Tallinn zu Fuß. Ich erkunde die komplette Altstadt, Straße für Straße. Auf dem Domberg treffe ich Uwe aus Magdeburg – Ex-Polizist, unterwegs mit einem uralten Motorradgespann durchs Baltikum. Wir laufen ein Stück gemeinsam, legen eine kleine Getränkepause ein, und am Ende zeigt er mir stolz sein 34 Jahre altes „Schätzchen“.
Als ich fast durch bin schaue ich noch im ehemaligen KGB-Gefängnis vorbei – ein bedrückender Ort, der im Gedächtnis bleibt Was dort noch bis zum Ende des Kalten Krieges passiert ist…
Wieder draußen in der Sonne laufe ich zurück zu Karsten und lauf noch zum Terminal D und checke alles für morgen. Von hier geht’s mit der Fähre rüber nach Finnland.
Auf dem Rückweg entdecke ich ein schönes Backsteingebäude. Beim Näherkommen erkenne ich: eine Brauerei mit Gasthaus. Abendessen gefunden.
Zur Verdauung schlendere ich noch zur Kreuzfahrerpromenade. Die zieht sich um den äußeren Hafen bis weit in die Bucht hinein. Heute liegt zwar kein Schiff da, aber der Blick übers Wasser ist trotzdem schön.
Um 21:00 Uhr bin ich dann nach über 25000 Schritten(knapp 18km) wieder Zuhause bei Karsten, für heute reicht es.
Tallinn ist sehr schön, Riga hat mir persönlich besser gefallen. Es erscheint mir größer, mächtiger und abwechslungsreicher. Dafür ist Tallinn irgendwie gemütlicher. Hat beides seinen Charme!
28.05.2025 Kaffee, Fähre, Friedhof – ein ganz normaler Reisetag
05:00 Uhr – wach. Warum auch nicht?Der Wecker ist auf 7:30 gestellt, die Fähre geht um 10:30 Uhr, Check-in spätestens 9:30 Uhr – alles ganz entspannt eigentlich. Nur meine innere Unruhe kennt keine Entspannung. Also wälze ich mich noch bis 7:00 Uhr im Bett herum, dann gebe ich auf und stehe auf. Kaffee hilft wie immer.
Karsten wird startklar gemacht, und kurz nach 08:00 Uhr rolle ich zum Fährterminal. Ich bin der Erste. Als um 9:00 Uhr geöffnet wird, bleibt es überschaubar – richtig leer sogar.
Am Wartebereich lerne ich Sepp und Hans kennen – zwei Schweizer Originale, beide 72, beide mit dem Fahrrad unterwegs. Seit vier Wochen radeln sie von der Schweiz Richtung Nordkap. Letztes Jahr waren sie in Afrika, davor von der Südtürkei heim. Großer Respekt!
Die Fähre legt 15 Minuten früher ab – und um kurz nach 12 Uhr befahren Karsten und ich finnischen Boden. Ich finde einen ruhigen Parkplatz – zwischen Zentralfriedhof und Krematorium. Keine Beschwerden aus der Nachbarschaft zu erwarten.
Mit dem Rad geht’s ins Tourismusbüro. Stadtplan und ein paar Tipps eingeholt, und dann erkunde ich Helsinki.
Erster Stopp: der Hafen. Danach setze ich mit der Fähre über nach Suomenlinna, UNESCO-Welterbe und DAS Sightseeing-Highlight.… kann man machen, haut mich aber nicht um. Lustiger Zufall am Rande: Ich treffe erneut das nette Paar aus Klaipėda, die mir damals den Parkschein geschenkt haben – inzwischen zum dritten Mal (Klaipėda, Riga,Helsinki). Die Welt ist ein Dorf auf Rädern.
Zurück auf dem Festlan radele ich quer durch die Stadt, kreuz und quer dem Stadtplan nach. Als ich abends wieder bei Karsten ankomme, ist es fast 21:00 Uhr – Feierabend!
Wie es morgen weitergeht? Noch offen. Vielleicht noch ein bisschen Altstadt, vielleicht aber auch direkt raus in die finnische Natur. Ich hab ja die ganze Nacht Zeit zum Überlegen.
29.05.2025 Christi Himmelfahrt ist in Finnland auch ein Feiertag.
Ich verlagere meinen Stellplatz auf einen Parkplatz am Stadion. Sonntags ist das Parken hier kostenlos – und heute ist ja Feiertag… oder? 🤔
Auf meine Nachfrage hin bekomme ich von mehreren finnischen Anwohnern ein Mal „weiß nicht“ und zwei Mal „ja, ist frei“. Die Mehrheit entscheidet! ✅
Mein Plan für heute: am Vormittag nochmal Helsinki, spätestens gegen 14:00 Uhr weiter. Also los.
Ich schwinge mich aufs Rad und fahre an einem kleinen See entlang Richtung Innenstadt. Das Wetter wird immer besser, die Finnen genießen den Feiertag mit Joggingrunden und Workout rund um den See.
Am Ende des Sees steht die Zentralbibliothek von Helsinki – ein Gebäude wie ein Schiff. Drumherum Spielplätze, Beachvolleyball, Badestrand, Cafés… richtig schön hier. Ich stelle das Rad ab und laufe rein in die Stadt.
Für einen Feiertag ist erstaunlich viel los, viele Läden haben geöffnet. Helsinki hat wirklich Charme: mächtige, geschichtsträchtige Gebäude, Straßenbahnen, dazu der Hafen, Universitäten, Regierungsgebäude. Quirlig, aber nicht hektisch – das hat Charme.
Gegen 13:00 Uhr bin ich zurück an der Zentralbibliothek – und neugierig, was da drin auf mich wartet. Ich rechne mit drei Etagen Bücherregalen. Stattdessen: Staunen.
Im Erdgeschoss ein Café, eine Schach-Ecke mit rund 15 Brettern, Rückgabeschalter, Sitzbereich – und das war’s fast schon mit klassischen Büchereielementen.
In der dritten Etage dann Regale mit Spielen, Zeitschriften, DVDs, Konsolen- und Computerspielen. Dazu ein weiteres Café, Lese- und Bastelecken, eine große Terrasse. Menschen jeden Alters sind hier.
Die zweite Etage setzt noch einen drauf: Gamingräume mit Bildschirmen an den Wänden, über 20 PC-Arbeitsplätze, Drucker aller Art und aller Größen, Großformatplotter, 3D-Drucker, Schneidplotter, Textildrucker, Lasergravierer, UV Drucker… alles da, alles frei nutzbar – mit Bibliotheksausweis. Der ist kostenlos, man zahlt nur das Material. Unglaublich.
Beeindruckt radle ich zurück zu Karsten.
Wieder begegnen mir überall sportliche Finnen rund um den See. Am hinteren Ende entdecke ich ein Outdoor-Fitnessgelände – mehr Geräte als manches Studio.
Wie geplant bin ich gegen 14:00 Uhr wieder bei Karsten. Und das war es mit meinem Plan: Angestochen laufe ich auch noch eine Runde. 🤷🏻♂️. 7,5 km später, frisch geduscht, gehe ich nochmal zur Bibliothek – ein paar Ausdrucke für die Weiterreise erledigen.
Fast wie geplant – um 18:00 Uhr geht’s weiter. Ich fahre noch ca. 1,5 Stunden und finde schließlich einen Übernachtungsplatz am Jachthafen in Lovisa an der Ostsee.
30.05.2025 Sprung in die Ostsee – und weiter Richtung Norden
Heute steht mein (erst mal) letzter Aufenthalt an der Ostsee an. Das Wetter passt – knapp 17 °C, und die Sonne lässt sich stellenweise auch blicken. Etwa 200 m zurück habe ich gestern Abend eine Badestelle gesehen, und nach dem Frühstück geht’s genau dorthin.
Ich gebe zu, anfangs zögere ich noch ein bisschen. Als ich dann aber sehe, wie eine ältere Dame aus dem Wasser kommt, fällt die Entscheidung: Ich gehe rein.
Und es ist super – kühl, aber nicht eisig (ja, ich weiß, da gehen die Meinungen auseinander 🤷🏻♂️).
Nachdem ich wieder draußen bin, kommt die Krönung: ein geheiztes Sanitärgebäude. Tipptopp! Toiletten und Duschen frei benutzbar… super 👌🏻!
Nach der ausgedehnten Dusche starte ich Richtung Nordost. Nach wenigen Kilometern mache ich den ersten Stopp: ein großer Supermarkt, an dem ich meine Vorräte auffülle. Danach geht’s weiter, immer nordostwärts.
Unterwegs mache ich einen Abstecher zur Salpa-Linie. Diese Verteidigungslinie, zwischen 1940 und 1944 errichtet, zieht sich über 1.200 Kilometer durchs finnische Grenzland – von der Ostsee bei Virolahti bis hoch nach Lappland.
Ein gigantisches Verteidigungsprojekt gegen die damalige Sowjetunion, das jedoch nie im Kampf zum Einsatz kam.
Massive Bunker, Panzersperren, Schützengräben – vieles davon ist noch heute gut erhalten.
Ich wandere ein Stück auf einem kleinen Weg entlang, gehe in diverse Bunker und Tunnel. Meine Taschenlampe erfüllt ihren Zweck nur so halb, und ich bin unter Tage entsprechend vorsichtig. Hier ist sonst niemand weit und breit!
Weiter geht’s bis nach Lappeenranta am Saimaa-See – der Versuch, die finnischen Ortsnamen auszusprechen, ist schon ein Abenteuer für sich!
Nach einem kurzen Spaziergang an der Uferpromenade fahre ich noch ein Stück weiter und suche mir einen Platz für die Nacht – direkt am See.
G31.05.2025 Ankunft am östlichsten Zipfel Finnlands
So schön der See auch ist – schwimmen bei Grau, Kälte und Nieselregen? Nein!
Nach dem Frühstück fahre ich weiter an die Finnische Seenplatte. Europas größtes Seengebiet mit über 40.000 Seen zieht sich quer durch den Südosten Finnlands. Ich fahre bis Joensuu, der größten Stadt in der Landschaft Nordkarelien. Hier erhoffe ich mir, in der Touristeninformation ein wenig Material über die Nationalparks in der Nähe zu bekommen.
Die Strecke zieht sich über endlos geradeStraßen, Links und rechts wechseln sich Wald und Seen ab. Das Wetter ist heute sehr wechselhaft – mal scheint die Sonne, dann regnet es wieder. Als ich in der Stadt ankomme, regnet es 🌧️ – na klar, ich will ja auch ein wenig durch die Stadt laufen. Der Plan mit der Touristeninfo scheitert, es gibt keine 🤷🏻♂️. Egal, dann eben anders.
Zurück an Karsten schaue ich erst mal, wohin ich jetzt fahre. Als ich so dasitze, parkt neben mir ein roter Kasten ein. Lotta, wie ich später erfahre. Mit ihren Mitfahrern, Tobi und Svenja, komme ich ins Gespräch, und wir tauschen einige Reiseinfos aus. Daraufhin steht mein nächstes Ziel fest: Der Petkeljärvi-Nationalpark liegt in Ilomantsi, der östlichsten Gemeinde Finnlands, und befindet sich etwa 20 Kilometer von der russischen Grenze entfernt.
Die Anfahrt führt – natürlich – über Piste. Und nach dem Regen des ganzen Tages ist Karsten, als wir ankommen, mehr braun als grau. Als ich uns – Karsten und mich – im Besucherzentrum anmelden möchte, empfängt mich die Chefin auf Deutsch. Prima, das vereinfacht doch einiges.
Ich bleibe erst mal zwei Nächte hier. Morgen will ich wandern und, wenn das Wetter mitspielt, mit dem Kajak fahren. Heute Abend gehe ich erst mal in die finnische Blockhaussauna – und danach ist Skatabend mit den Jungs.
01.06.2025 Regenrunde im Petkeljärvi-Nationalpark
Der Morgen ist grau in grau. Der Wetterbericht – ich habe mir die skandinavische Wetter-App Yr geladen – sagt für heute auch nichts Besseres mehr an. Dann wird das mit dem angedachten Kajakfahren wohl nichts, aber wandern geht, solange es nicht großartig regnet.
Aber als Erstes muss ich mit der Frau vom Campingplatz sprechen. Ich brauche eine Werkstatt für Karsten. Der Keilriemen oder die Spannrolle quietscht zeitweise, und ich hätte das schon gerne repariert, bevor es weiter nach Norden geht. Wie schon gesagt: Sie spricht Deutsch und verspricht, morgen – Montag – in der Werkstatt anzurufen und das zu klären. Hoffe mal, dass das klappt.
Gegen Mittag starte ich dann auf die kleine 6,5-km-Runde. Das Wetter hat sich leider nicht verbessert – die App behält recht! – aber es ist weitgehend trocken. Noch!!
Es ist eine wunderschöne Runde durch den Nationalpark, die ich zwischendrin mit kleinen Schwenks auf 12 km ausdehne. Es geht über Trampelpfade, Felsen, Bohlenwege usw., am Seeufer entlang oder über Sumpfgebiete. Am Ende treffe ich wieder auf Gräben der Salpa-Linie, die sich ja 1.200 km entlang der russischen Grenze zieht.
Dass es zwischendurch immer wieder nieselt und auch mehrfach in Regen übergeht, tut der Schönheit dieser Landschaft keinen Abbruch.
Nach gut 4 Stunden bin ich wieder zurück und treffe Tobi und Svenja in der Campingküche. Wir verabreden uns für den Abend in der Lagerfeuerhütte. Vorher esse ich noch gemütlich, und ein Saunagang rundet den Tag ab.


























































